Sterben auf Verlangen – und am Ende als Ersatzteillager?
Ein Kommentar zur schleichenden Entgrenzung von Sterbehilfe und Organspende – und was die Debatte in Zürich daraus lernen muss.
Jan Leitz, Dübendorf Stv. Geschäftsführer EDU Kanton Zürich
Zürich diskutiert derzeit ein Gesetz, das Pflegeheime zwingen soll, Sterbehilfeangebote zuzulassen. Was als Errungenschaft der Selbstbestimmung gepriesen wird, ist aber ein Trojanisches Pferd. Im Ausland zeigt sich: Sobald die Tötung auf Verlangen zur Normalität wird, öffnen sich rasch weitere Türen – etwa zur Organentnahme. Menschen bringen sich um, und kaum ist der letzte Atemzug getan, rücken schon die Transplantationsteams an – in Belgien, den Niederlanden und Kanada längst Realität.
In den Niederlanden und Kanada gehen heute jeweils rund 5% aller Todesfälle auf aktive Sterbehilfe zurück – in Kanada waren es 2024 etwa 16’500 Fälle nach einem 13-fachen Anstieg binnen sieben Jahren. Einst Ausnahme für hoffnungslose Fälle ist längst Alltag.
Sterbewillige werden dort als Quelle für Organe genutzt. Was wie eine makabre Verschwörungstheorie klingt («organ harvesting»), wird heute offen propagiert: Euthanasie-Patienten könnten durch Organspende «noch etwas Gutes tun». In Belgien wurde einem elfjährigen Mädchen nahegelegt, nach ihrer Euthanasie ihre Organe zu spenden – sie tat es, und man feierte die Rettung mehrerer Empfänger leben. Die Existenz solcher Programme verändert die Kultur des Sterbens: Der Mensch soll im Tod noch Nutzen bringen, statt dass sein letzter Weg von uneigennütziger Fürsorge geprägt ist.
Heute freiwillige Organabgabe – morgen Pflicht?
Der moralische Druck wächst. Wer per Sterbehilfe sein Leben beendet, steht vor dem perfiden Gewissenszwang, wenigstens seine Organe zu spenden, um nicht als ‹Egoist› zu sterben, der Leben retten könnte. Der Staat könnte insgeheim ein Interesse daran entwickeln, dass mehr Patienten die «Organspende-Euthanasie» wählen: Jedes entnommene Organ entlastet das Transplantationssystem.
Eine Gesellschaft, die aktive Sterbehilfe als normal betrachtet, läuft Gefahr, das Töten als Problemlösung zu «normalisieren » – und kommt gar der Gedanke auf, Getötete als Ersatzteillager für andere zu nutzen, ist die letzte Schwelle überschritten. Der Mensch wird nach Nützlichkeit bewertet – sein Selbstmord nach Verwertbarkeit. Aus «Du sollst nicht töten» wird «Du sollst töten… aber effizient bitte».
Werden Pflegeheime gezwungen, Sterbehilfe zuzulassen, ist das ein kulturelles Signal, das vorzeitige Lebensende als normale Option zu akzeptieren. Doch wir stehen auf einer schiefen Ebene. Morgen könnte gefordert werden, Sterbewillige in staatliche Spitäler aufzunehmen, um Organspende zu erleichtern – warum auch Ressourcen vergeuden?
Und übermorgen? Vielleicht erlebt die Schweiz dann kanadische Verhältnisse, in denen schon Arme und Kranke Sterbehilfe wählen, weil sie keine Lebensperspektive mehr sehen.

Noch ist es nicht so weit – wir können innehalten.
Erinnern wir uns an etwas Fundamentales: Barmherzigkeit statt «Effizienz», Schutz der Schwachen statt Selektion nach Nützlichkeit. Pflegeheime sollten Orte des Lebens und der Fürsorge sein – keine «Sterbehäuser» auf Bestellung. Ein sterbender Mensch ist ein zu Begleitender, kein Lieferant.
Zürich sollte genau hinsehen und gegensteuern, bevor es kein Zurück mehr gibt. Humanität zeigt sich im Umgang mit Sterbenden: Ob wir ihnen zeigen «Gut, dass es dich gibt», oder ob wir – überspitzt gesagt – schon kühl den OP-Saal vorbereiten.
Entscheiden wir uns für das Leben, nicht für den Tod auf Verlangen. Es geht um das Herz unserer Gesellschaft – im wahrsten Sinne des Wortes.

