Bergkarabach: «Der Fall ist nicht abgeschlossen!»
Eine Delegation der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI) besuchte gemeinsam mit EDU-Nationalrat Erich Vontobel den inhaftierten Erzbischof Bagrat Galstanyan in Armenien. CSI plädiert mit Nachdruck dafür, dass ein Friedensforum, wie es das Schweizer Parlament im Zusammenhang mit Bergkarabach wünscht, ein Schritt zur Friedenssicherung ist.
Stiftung CSI-Schweiz, Redaktion «Standpunkt»
Der Bundesrat hat den Auftrag, ein Friedensforum zu organisieren, auf dem die Rückkehr der Karabach-Armenier thematisiert wird. Nun kommt mit der Repression gegen die Armenisch-Apostolische Kirche ein weiteres besorgniserregendes Kapitel hinzu. In einem am 3. Februar 2026 veröffentlichten Brief aus dem Gefängnis an den International Religious Freedom Summit in Washington, DC erklärt der armenische Erzbischof Bagrat Galstanyan: «Ich bin aus einem einfachen Grund inhaftiert. Mein Vergehen besteht darin, eine unerwünschte Wahrheit auszusprechen – dass die christliche armenische Nation einer existenziellen Bedrohung gegenübersteht.» Galstanyans Brief wurde am 3. Februar von John Eibner, internationaler Präsident von Christian Solidarity International (CSI), im Rahmen einer Medienkonferenz in Jerewan verlesen. Weil im Februar zudem der Besuch von US-Vizepräsident JD Vance in Armenien und Aserbaidschan stattfindet, richtete Galstanyan auch ein Schreiben an Vance.
Zunehmender Druck auf Kirchenführung
Erzbischof Galstanyan ist einer von vier Bischöfen, die in den vergangenen acht Monaten von der armenischen Regierung festgenommen wurden. Darüber hinaus sind Dutzende weitere Personen betroffen, darunter kirchliche Mitarbeiter, Rechtsbeistände der inhaftierten Geistlichen, Angehörige sowie öffentliche Unterstützer der Kirche.
Der armenische Premierminister Nikolai Pashinyan hatte öffentlich verlauten lassen, das Oberhaupt der Armenisch-Apostolischen Kirche, Katholikos Karekin II., aus seinem Amt zu entfernen und durch eine von einem staatlichen Komitee ausgewählte Person zu ersetzen. Anfang Februar hatte die Regierung sechs Bischöfen die Ausreise aus Armenien untersagt. Hintergrund war die Bischofsversammlung der armenischen Kirche in Österreich vom 16. bis 19. Februar, die bewusst ausserhalb Armeniens angesetzt wurde, um ein Umfeld ohne staatliche Einflussnahme zu gewährleisten.
«Dies ist eine weitere Eskalation in der Kampagne der Regierung gegen die Kirche», kommentierte John Eibner von CSI. «Man will die Kirche handlungsunfähig machen und verhindern, dass sie weiterhin eine Stimme für Armeniens nationale Interessen ist.»
Zusammenhang mit Bergkarabach
In seinem Brief führt Erzbischof Galstanyan aus, dass die Massnahmen gegen die Kirche im Zusammenhang stehen mit umfassenden Bemühungen der Türkei und Aserbaidschans, «Armenien in einen Vasallenstaat zu verwandeln». Ein zentraler Bestandteil dieses Plans sei es, den Einfluss der Armenisch-Apostolischen Kirche als unabhängige Stimme in der Gesellschaft zu unterbinden.
Im Hintergrund steht die Lage in Bergkarabach (Artsakh): Im September 2023 griff Aserbaidschan die Region an und vertrieb rund 120’000 armenische Christen. Seither unterstützt die Armenische Kirche das Rückkehrrecht der Karabach-Armenier.
Das führte dazu, dass hochrangige aserbaidschanische Beamte die Kirche als «ein Hindernis für den Frieden» bezeichnen.
Rafael Ishkhanyan, Präsident des Armenischen Zentrums für politische Rechte (ACPR), verwies auf eine internationale Konferenz im Mai 2025 in Bern. Dort hatte das Oberhaupt der armenischen Kirche, Katholikos Karekin II., die Rückführung der Vertriebenen nach Bergkarabach sowie die Freilassung armenischer Geiseln in Aserbaidschan gefordert. Ishkhanyan: «Das war der Auslöser der Antikirchlichen Kampagne der Regierung.» Inzwischen befinde man sich in der dritten Phase der Repression, in der die Rechte einzelner Gläubiger beschnitten würden. Das ACPR veröffentlichte im Dezember 2025 einen umfassenden Bericht über den Verlauf der Repression gegen die Kirche.
Nationalrat: «Der Fall ist nicht abgeschlossen»
EDU-Nationalrat Erich Vontobel erinnerte daran, dass eine erfolgreiche Motion im Parlament die Schweizer Regierung verpflichtet, ein Friedensforum zwischen Aserbaidschan und Vertriebenen aus Bergkarabach zu ermöglichen, wo über deren sichere Rückkehr diskutiert wird.
«In Armenien hört man auf höchster Ebene, dass der Fall Bergkarabach abgeschlossen sei», sagte Vontobel mit Blick auf Aussagen von Premierminister Pashinyan. «Wir sehen das anders.» Während des Gefängnisbesuchs am 3. Februar habe Erzbischof Galstanyan ihn ausdrücklich ermutigt, seine Bemühungen für die Rechte der Karabach-Armenier fortzusetzen und das werde er auch tun. Vontobel betonte: «Der Fall Bergkarabach ist nicht abgeschlossen.
Solange die Vertriebenen nicht in ihre Häuser zurückgekehrt sind, kann und darf er nicht abgeschlossen werden.» Das überparteiliche Komitee «Schweizer Friedensinitiative für Berg-Karabach» werde den Druck auf den Bundesrat aufrechterhalten.
Brief an den Bundesrat
Wie das überparteiliche Komitee «Schweizer Friedensinitiative für Bergkarabach» bekanntgab, hat sich Ashot Danielyan, Präsident und Parlamentsvorsitzender von Bergkarabach, anfangs Februar brieflich an Bundesrat Ignazio Cassis gewandt.
Das im Mai 2025 in Bern gegründete Komitee setzt sich für eine nachhaltige politische Lösung des Karabach-Konflikts ein und begleitet den Bundesrat bei der Umsetzung des parlamentarischen Auftrags.
In seinem Brief vom 2. Februar 2026 würdigt Ashot Danielyan den Beschluss des Schweizer Parlaments und erinnert den Bundesrat daran, dass schon fast ein Jahr seit Annahme der Motion verstrichen sei.
Er hoffe sehr, dass sie bald umgesetzt werde, «um den vertriebenen Menschen von Bergkarabach eine sichere und würdevolle Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen». Danielyan unterstreicht, dass die Vertriebenen weder die geopolitische Ordnung verändern noch den Friedensprozess zwischen Armenien und Aserbaidschan untergraben wollen.

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Nach dem Gefängnisbesuch bei Erzbischof Galstanyan informierten sie an einer Medienkonferenz in Jerewan (v.l.): Rafael Ishkhanyan (ACPR), Übersetzerin, Nationalrat Erich Vontobel, CSI-Präsident John Eibner. Foto: CSI

