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Die Wurzeln des Schweizer Sonderfalls

Am 27. September 2026 stimmen wir über die Volksinitiative «Wahrung der schweizerischen Neutralität (Neutralitätsinitiative)» ab. Was aber bedeutet die Schweizer Neutralität? Warum hat sich die Schweiz – als einziges Land weltweit – einer Politik der «immerwährenden bewaffneten Neutralität» verschrieben? Ist dies bloss historischer Zufall?

Der Gotthardweg

Die Neutralität ist aus der Geschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft hervorgegangen – einer Geschichte, wie sie kein anderes Land in Europa in gleicher Weise erfahren hat; einer Geschichte also, die unserem Land Eigenschaften und einen Charakter verliehen hat, welcher die Schweiz von allen anderen Ländern Europas grundlegend unterscheidet.

Eine Weichenstellung von historischer Tragweite, welche die Entwicklung der Eidgenossenschaft in ganz andere Bahnen lenkte als sie alle anderen Länder in Europa durchliefen, trat bereits in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts ein.
Damals, als der Staufer Friedrich II. als Kaiser (1220 – 1250) das Heilige Römische Reich Deutscher Nation regierte.

Heiratspolitisches Kalkül der Staufer war damals ausschlaggebend dafür, dass der am Hof der Normannen in Palermo aufgewachsene Friedrich das Reich von Apulien, von der Südspitze Italiens aus regierte.

Friedrich II.

Als Stratege war dem Kaiser klar, dass für ihn, wenn seine Präsenz im grösseren Teil seines Reichs, also nördlich der Alpen vonnöten war, der Alpenriegel selbst mit einem Heer so hindernisfrei wie irgend denkbar überwindbar sein musste – jener Alpenriegel, der sein Riesenreich in zwei Teile zerschnitt. Friedrich II. war also auf einen zuverlässigen Wächter am Gotthard, am Nadelöhr zwischen Süd- und Nordeuropa angewiesen.

Im Blick auf diese Notwendigkeit stellte Friedrich II. 1231 zunächst den Urnern, 1240 auch den Schwyzern «Freiheitsbriefe» aus. Damit wurden weder die Urner noch die Schwyzer aus dem Reich entlassen. Aber sie wurden als «reichsunmittelbar» erklärt, also ganz direkt ihm selbst, dem Kaiser des Reichs, unterstellt. Ob Gleiches auch den Nid- und Obwaldnern zuteil wurde, wird von heutigen Historikern vermutet und angenommen, ist aber nicht zweifelsfrei überliefert.

Vorteile der Kleinräumigkeit

Für den Kaiser, für Friedrich II. waren die Urner und die Schwyzer indessen allein als zuverlässige Wächter am Gotthard und am Vierwaldstättersee von Bedeutung. Wie sie sich in ihren gebirgigen Gefilden selbst organisierten, war für ihn, den Kaiser nebensächlich. Und die beiden Bergvölker, von keinem Herzog, von keinem Grafen, von keinem Freiherrn mehr behindert, entdeckten nach und nach die Vorteile, die sich ihnen boten, wenn sie ihr Dasein – stets bedroht von der unberechenbaren Natur in den Bergen – selbst organisieren und selbst schützen konnten.

Sachte, Schritt für Schritt begann sich an der wichtigsten Passage über die Alpen Selbstverwaltung durchzusetzen – etwas, was im übrigen, riesigen Kaiserreich nirgends Chancen hatte. Mit Demokratie hatte diese Entwicklung zumindest anfänglich freilich nichts zu tun – keine Spur von allgemeinem Stimmrecht. Aber die Geschlechter, die zunehmend das Sagen hatten, waren «Eigengewächs». Sie wuchsen hinein in eine wichtige Rolle als Folge der im Reich einzigartigen Weichenstellung am Gotthardweg, wo sich Selbstverwaltung zu entwickeln begann. Diese erwies sich im Verlauf der folgenden Jahrhunderte als immer gefestigter – und zeitigte Folgen, welche die Eidgenossenschaft bis heute prägen.

Dr. Ulrich Schlüer, Geschäftsführer der Schweizerzeit-Stiftung

Der Autor ist Historiker und ehemaliger Nationalrat für den Kanton Zürich. Ulrich Schlüer hält für Interessierte immer wieder spannende Vorträge zur Geschichte der Schweiz und zur Bedeutung der Neutralität im Besonderen. Anfragen bitte stellen an schluer@schweizerzeit.ch.

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