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Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Ist der Mensch ein Geschöpf, das sich in eine ihm vorgegebene Wirklichkeit hineingestellt sieht und beginnt, diese zu erkunden und zu erkennen, oder ist er Schöpfer, der die Wirklichkeit durch seine Betrachtung und seine Sprache erst konstruiert, gleichsam aus dem Nichts erschafft?

Wie man diese Frage beantwortet, hat viel zu tun mit gesellschaftlichen Fragen, die uns im 21. Jahrhundert beschäftigen und die Gemüter erhitzen.

«Wir leben in einer Ära, die den Schmerz der Seele mit dem Skalpell exorzieren will. Man hat uns gelehrt, Identität sei ein Konstrukt, das man operieren und chemisch erzwingen kann. Doch ich habe gelernt: Man kann die Biologie zum Schweigen bringen, aber man kann sie nicht besiegen. Mein Körper war nie ‹falsch› – er war der Schauplatz einer tiefen inneren Not, die Halt suchte und stattdessen Medizin fand. Wir haben vergessen, dass eine Wunde im Geist nicht durch eine Narbe auf der Haut heilt. Denn am Ende bleibt eine unerbittliche Gewissheit: Die Natur lässt sich nicht betrügen.»

Identität als Konstrukt

Diese Worte schrieb Chris Brönimann am 10. Mai 2026 auf «X» in einem längeren Beitrag, der den Titel «Der Verrat am Körper und der Lärm der Ideologie » trägt. Chris Brönimann vollzog unter medialer Öffentlichkeit 1998 eine operative Geschlechtsumwandlung und wurde zu Nadja Brönimann, der «bekanntesten trans Frau der Schweiz» (SRF Focus).
2024 hat er öffentlich gemacht, dass er die Geschlechtsanpassung bereut und sich entschieden, wieder als Mann zu leben. Aus der Trans-Aktivistenszene bekommt er seitdem Hassposts. Die vorherrschende Meinung, «Identität sei ein Konstrukt, das man operieren und chemisch erzwingen kann», hält er aufgrund seiner eigenen Biografie für gescheitert.

Konstruktivismus bedeutet, dass die Wirklichkeit vom Betrachter konstruiert wird. Diese Weltanschauung liegt zum Beispiel dem Selbstbestimmungsgesetz zugrunde, das am 18. Dezember 2020 von der Bundesversammlung beschlossen wurde, weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit, deren Aufmerksamkeit ganz von Corona-Livetickern und fast täglich sich ändernden Verordnungen der Behörden ziemlich erschöpfend beansprucht wurde. Am 1. Januar 2022 trat es in Kraft: Die Möglichkeit, auf dem Zivilstandsamt sein Geschlecht unbürokratisch für CHF 75.– zu ändern und damit Wirklichkeit neu zu konstruieren.

Der Wirklichkeitstest

Um zu verstehen, was es mit dem Konstruktivismus auf sich hat, ist Theologie ganz nützlich. Denn es hat letztlich mit Gott zu tun. Als gläubiger Mensch (und erst recht als Theologe) ist man immer wieder einmal mit der Meinung konfrontiert, dass Gott, wenn es ihn gäbe, sich durch ein Wunder zu erkennen geben müsste. Da die Welt aber immer nach den Naturgesetzen abläuft, gibt es ihn offensichtlich nicht. Mit anderen Worten: Die Ordnung und Regelmässigkeit des Weltenlaufs spricht gegen Gott. Eine deutliche Unregelmässigkeit im Gefüge würde ihn beweisen.

Interessanterweise haben die Menschen im Altertum – nicht nur die Christen – gerade umgekehrt gedacht. Sie haben darüber gestaunt, wieviel Ordnung sie in der Welt vorfinden. Es muss eine ordnende Macht geben, soviel war für sie klar. Götter sind nicht da, um ab und zu ein bisschen Unordnung zu stiften (das tun sie gelegentlich auch), sondern um die Ordnung zu schaffen und zu bewahren.

Wie beweist man einen Gärtner?

Sind wir klüger geworden, wenn wir meinen, die Ordnungen des Universums seien selbstverständlich und von einem angeblichen Gott vor allem einen Akt der Unordnung erwarten? Was ist denn klüger: In einem wohlgeordneten Garten zu verlangen, dass man gefälligst eine rote Tulpe im gelben Tulpenbeet zeigen muss, um zu beweisen, dass ein Gärtner existiert, oder die Tatsache, dass man kein wucherndes Chaos, sondern einen wohlgeordneten Garten vor sich hat, für hinreichend zu halten, um von der Existenz eines Gärtners auszugehen?

Ich glaube an Gott …

Das christliche Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Satz «Ich glaube an Gott …, den Schöpfer des Himmels und der Erde». Vielen Menschen ist nicht bewusst, welche Implikationen dieser Satz hat und vor allem: Welche Implikationen die Verneinung dieses Satzes hat. Es geht nicht einfach um die Frage, wie die Welt entstanden ist, sondern es geht um die Frage, ob die Welt im Tiefsten Sinn und Bedeutung hat oder ob wir von bedeutungsloser und beliebig manipulierbarer Materie umgeben sind.

Der Satz, dass Gott der Schöpfer ist, bedeutet zugleich, dass der Mensch es nicht ist. Der Mensch findet sich in einer Wirklichkeit vor, die er nicht selber erschaffen hat. Zwar bedeutet die biblische Rede von der Erschaffung des Menschen im Bilde Gottes, dass Gott dem Menschen Anteil gibt an seinem Schöpfungshandeln, dass der Mensch also sehr wohl mitgestaltend und mitformend in dieser Wirklichkeit tätig sein kann. Doch der Unterschied zum Konstruktivismus liegt in dem «mit». Denn nur da, wo der Mensch dies in Harmonie mit der Schöpfung tut, wo er nicht mit Gewalt Wirklichkeit manipulieren und verändern will, sondern wo er erkennend, suchend und dienend, mit «Ehrfurcht vor dem Leben» (Albert Schweitzer) am Schöpfungshandeln Gottes Anteil nimmt, entsteht daraus Schönes, Gutes und Wahres.

«Wir werden uns eines Tages gegenseitig fragen müssen, wie wir dabei zusehen konnten, wie die Medizin ihren Kompass verlor – und warum wir das Schweigen der Experten für Fortschritt hielten.» So Chris Brönimann am 17. Mai 2026 auf «X».

Prof. Dr. Benjamin Kilchör, evangelischer Theologe und Professor für Altes Testament an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel

Dies ist eine gekürzte Fassung des Originalartikels, der am 21. Juni 2026 auf sichtweisenschweiz.ch erschienen ist.

Statistik: Entwicklung der Änderung von Geschlechtseintragungen
in der Schweiz 2022-2025

Seit dem 1. Januar 2022 kann der Geschlechtseintrag im Personenregister mit einer persönlichen Erklärung beim Zivilstandsamt geändert werden. Seit Einführung im Jahre 2022 haben sich die Änderungen von Geschlechtseintragungen in der Schweiz halbiert.

*Personen unter 16 Jahren benötigen die Zustimmung der gesetzlichen Vertretung.

© BFS Bundesamt für Statistik, Quelle: BEVNAT Personenstandsregister, am 18. 6. 2026 zusammengestellt von SICHTWEISENSCHWEIZ.CH

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Chris Brönnimann


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